Home Meine Reisen Reise 1966 Osttürkei

PageInfos

Besucher

Heute50
Insgesamt120622
Reise 1966 Osttürkei
REISEBERICHT :

Meine 1. große Reise mit einem ausgebauten VW- T1 Bus bis in die Osttürkei.



Nach Abschluß meiner Berufsausbildung in Österreich kam ich im August 1965 nach Bayern. Ich lernte bei meinem 1. Arbeitgeber im Süden von München einen Arbeitskollegen kennen, der gerade mit einem PKW- Kombi eine halbe westl. Mittelmeerumrundung vollendet hatte. Er wollte 1966 mit einem VW- Bus wieder nach Nordafrika und suchte einen Mitfahrer. Da war ich natürlich sofort bereit, ihn auf dieser Tour zu begleiten. Dazu benötigte ich aber das richtige Auto. Mein VW- Käfer war dafür natürlich nicht geeignet. So suchten wir gemeinsam nach gebrauchten VW- Bullis. Wir fanden auch für mich einen brauchbaren T1. Die Sitze wurden ausgebaut und ich baute mir mit Tischlerplatten eine fest eingebaute Transportkiste, einen Klapptisch und eine Box für einen mit Gas betriebenen Kühlschrank. Von Westfalia gab es damals schon Beschläge, um eine Sitzbank zu einer Liegefläche um zu bauen. Nach einem ½ Jahr Arbeit, war dann der Bus startklar. Wir wollten im September 1966 zu einer 4 wöchigen Tunesientour starten. Die An- und Rückfahrt sollte über Sizilien erfolgen.
Einige Wochen vor unsrer Abreise kam Hans Nadler, mein Arbeitskollege mit seiner Freundin zu mir und erzählte, dass seine Nachbarin gerne in die Osttürkei fahren wollte. Hans fragte mich, ob wir umdisponieren wollten und unsere Nordafrika- Tour um ein Jahr verschieben wollten. Na gut, dann verschieben wir. Renate, meine damalige Freundin und spätere Ehefrau war damit ebenfalls einverstanden. So planten wir dann mit 2 Bussen und einem Opel-Rekord (Hans Nachbarin mit Mann wollten auf den Liegesitzen im Opel schlafen).
So holte ich mir gute Reiseinformationen von meinem Großonkel, der in den 50iger- Jahren in der Türkei Textilfärbereien aufgebaut hatte. Er hatte mich als 15 jährigen in den Sommerferien zu sich in die Türkei eingeladen. Mein Vater hatte es mir nicht erlaubt, vermutlich aus Eifersucht, denn mein Vater hatte keinen guten Kontakt zu seinem Onkel, der auch mein Firmpate war. Er hatte keine eigenen Kinder. Mich hatte es damals sehr gewurmt! Na ja, vielleicht ist bereits damals meine große Reiselust auf fremde Länder entstanden!
So starteten wir mit 3 Fahrzeugen von München über Kärnten und durch Jugoslawien über den berüchtigten Autoput, eine Mörderstrecke mit viel LKW- Verkehr, Schlaglöcher und zum Teil noch mit Pflastersteinen. Über Klagenfurt, Laibach, Zagreb, Belgrad bis Nis`, wo wir dann nach Bulgarien abbogen. Über Sofia und Plovdiv war dann bald die türkische Grenze bei Edirne erreicht. Nachdem wir einige Stunden zu Einreise an der türkischen Grenze benötigte, fanden wir dann im Dunklen einen Schlafplatz in einem Park in der Nähe der Großen Moschee in Edirne. Früh am Morgen weckte uns der Mulla mit seinen durch Lautsprecher verstärkten "Gesängen", die uns dann noch des öfteren durch die Türkei beglücken werden sollten. Zu allem Lärm des Mullas haben dann nach tausende Krähen in den Bäumen über uns das Morgenkonzert begleitet, an einen weiteren Schlaf war daher nicht mehr zu denken. So erreichten wir nach 3 Tagen und 2200 gefahren Kilometern Istanbul. Wir fanden am Bosporus nahe des Flughafen einen Campingplatz, nicht gerade sauber! In der Zwischenzeit gibt es den nicht mehr. Nach einer mehrtägigen Besichtigungstour durch diese tolle Metropole mit seinen einmaligen Sehenswürdigkeiten, benutzten wir die Autofähre über den Bosporus auf die asiatische Seite der Stadt. Eine Brücke gab es damals noch nicht- heute gibt es 2 Autobahnbrücken.
Die ersten Schwierigkeiten stellten sich ein: die Nachbarin von Hans, über 60 Jahre alt, war sehr unternehmungslustig und schon früher mal in der Türkei, war ja die treibende Kraft zu dieser Türkeireise. Zum Unterschied war ihr Mann schon Mitte 70, zwar rüstig, aber vermutlich noch nicht weit von Bayern auf Reisen. Er begann zu Jammern, das er kein Münchner Bier mehr bekam, Cola schmeckte ihm nicht! und seine "SALEM- Ohne" waren zu Ende. Die türkischen Zigaretten waren ihm scheinbar zu stark!



Auf der Strecke zwischen Istanbul und Ankara gab es dann riesige LKW Staus, die ziemlich nervig waren. So kam es dann zum Unfall: ich fuhr meistens voraus, der Opel in der Mitte und als 3. Fahrzeug kam Hans. Ein LKW scherte hinter mir von rechts ein und zwang den Opel zu einer Vollbremsung. Hans folgte hinter dem Opel und konnte wegen seiner wesentlichen schwächeren Seilzugbremsen den Auffahrunfall  auf den Opel seiner Nachbarin nicht verhindern. Außer Blechschaden ist keinem etwas passiert. Es folgte stundenlanges erfolgloses Palaver bei der türkischen Polizei, der LKW- Fahre war sich natürlich keiner Schuld bewußt, schließlich ist ja Hans der Nachbarin hinten auf den Opel aufgefahren. Notdürftig haben wir die verbogene Stoßstange und den Kofferaumdeckel ausgebeult. Schlimmer hat es Hans seinen VW- Bus erwischt. Die Beifahrertüre ging nicht mehr auf. Die Stoßstange und den Kotflügen unter der Beifahrertüre versuchten wir mit wenig Erfolg mit dem Abschleppseil wieder nach vorne zu ziehen. Wir wollten noch bis Göreme fahren und dort die Schäden zu verringern. Die Freundin von Hans bekam zu allem Verdruß noch einen Durchfall und war so geschwächt, das sie kaum mehr stehen konnte. So beschlossen Hans mit Freundin und das Opelteam in Göreme um zu drehen und zurück nach Hause zu fahren. Renate und ich wollten natürlich nicht unsere Reise nach nicht mal 2 Wochen abbrechen, unser Ziel war ja die Osttürkei!









Nachdem wir nicht alleine mit nur einem Auto weiter in die Osttürkei fahren wollten, suchten wir uns einen Dolmetscher. Wir fanden Ali Osman, einen Einheimischen, der Englisch konnte, die Fremdsprache hatte er bei seinem Militärdienst gelernt hatte. Den heuerten wir für 3 Wochen als Dolmetscher an. Die Osttürkei war 1966 wirklich noch ein Abenteuer, noch keine Touristen, Kurdengebiet, unruhig und mit viel Militär. Daher wurde uns geraten, auf alle Fälle abends Gendarmaposten anzufahren, um im Schutze des Militärs zu schlafen. Nach der Erkundung der wunderbaren Landschaft rund um Göreme und dem Besuch der unterirdischen antiken Höhlenkirchen starteten wir zuerst nach Süden. Unser Ziel war der Berg Nemrut mit seinen riesigen Steinstatuen. Da es noch keine Straße auf diesen Berg gab, heuerten wir Mulitreiber mit ihren Tieren an, auf denen wir zum Gipfel reiten konnten. Bewaffnetes Militär hat uns zu unserem Schutz begleitet. Dann fuhren wir auf einer abenteuerlichen Fähre über den Euphrat, um die Ausgrabungen von Harran zu besuchen.



Am Euphrat waren wir die Ursache einer Schlägerei zwischen den Bootsleuten und einer Gruppe aus dem nahen Dorf. Wir hatten uns bei der Auffahrt auf die Fähre im Sand festgefahren. Ein aus dem Dorf angeforderter Traktorfahrer, wollte uns aus dem Weichsand befreien und verlangte lt. dem Fährmann zu viel Geld. In kurzer Zeit eskalierte zwischen den Leuten aus dem Dorf mit dem Traktor und der Fährmannschaft ein Streit und die Gruppen gingen mit Prügel und Stangen aufeinander los. Nachdem der Traktorfahrer eine Pistole zog und mehrmals in die Luft schoss, beruhigten sich die Streithähne und ich bezahlte den zum damaligen Zeitpunkt in der Türkei horrend hohen Lohn von umgerechnet von ca. 5.-DM.
Glücklich auf der anderen Euphratseite angekommen, merkte ich, das mein Tank fast leer war. Bis zu nächsten Tankstelle waren es sicher noch 100 km. So steuerten wir eine Erdölpumpstation an. Einige arg finster blickende Kurden mit riesigen Schnurrbärten deuteten uns an, wir sollten hinter die Baracken fahren, wo etliche Benzinfässer standen. Ich holte einen 10 l Reservekanister hervor, um ihn auffüllen zu lassen. Die Kurden begannen zu Lachen und deuteten mir an, ich sollte meinen Tankdeckel öffnen. Um Nuh füllten sie meinen fast leeren Tank bis zum Rande auf. Ich wollte den Sprit bezahlen und wieder begannen sie zu Lachen, sie wollten kein Geld, der Benzin gehört dem Staat und sie könnten ihn nicht verkaufen. So bekam ich eine Tankfüllung fast geschenkt. Als Gegenleistung wollten sie ein paar Cola Dosen, die ich ihnen jetzt selbst lachend gerne gab. Anschließend wollten sie aber auch noch ein Wettschießen veranstalten. Da es heiß war, waren die Cola Dosen gleich ausgetrunken. Die wurden dann auf einen Drahtzaun zwischen großen Erdöltanks aufgespießt, wir mussten dann ca. 30 m nach rückwärts marschieren und 5 Kurden holten dann aus ihren Hosentaschen jeder eine großkalibrige 9 mm Pistole hervor. Das Zielschießen konnte beginnen. Ein Dose nach der anderen wurde mehr oder weniger mit mehreren Schüssen durchlöchert. Dann bekam auch ich eine Pistole in die Hand. Nach 2 Schüssen gelang auch mir durch Zufall eine Cola Dose zu treffen, dafür erhielt ich von den finsteren Gesellen wohlwollendes Schulterklopfen. Anschließen gab es noch Chay und Raki. Nach einem üppigen Hammel- Reis- Gericht schliefen wir wirklich gut im Schutze dieser Erdölpumpstation und seiner Wächter. Am nächsten Tag war der Abschied von den Kurden sehr herzlich, es war sicher nicht nur für uns ein tolles Erlebnis. Uns war jetzt voll bewußt, das wir im Wilden Kurdistan angekommen waren!
Unser nächstes Ziel war der Van See. Auf der Strecke wollte Ali Osman einen Freund aus seiner Militärzeit in Diyarbakir besuchen. Diyarbakir beeindruckte durch die gewaltigen schwarzen Stadtmauern, die noch fast vollständig erhalten sind. Wir wurden sehr herzlich bei dieser Kurdenfamilie empfangen und 2 Tage mit großer Gastfreundschaft versorgt. Ein Abendbesuch im Hamam war für Renate und mich ein neues Erlebnis. Besonders überrascht war Renate, das sie von den Kurdenfrauen im Hamam gleich eine Heißwasserdusche bekam, das ihr fast die Luft weg blieb, eine Öl- Vollkörpermassage mit  inklusiver Kahlrasur der Schamhaare.
Auf der Strecke nach Van übernachteten wir immer bei den Militärstationen, die regelmäßig außerhalb der Ortschaften angelegt waren. Die Soldaten bewachten uns und unser Auto. Am Morgen erhielten wir immer einen Guten- Morgen- Chay von den Soldaten. Einmal erhielt ich für Renate von einem Soldaten einen Heiratsantrag und er war dann sehr entäuscht, das Renate nicht meine Schwester war, wie er meinte.
Weiter nach Osten wurden wir sogar per Funk bei der nächsten Gendarmastation angemeldet, wo wir dann auch erwartet wurden. Einmal kam uns sogar ein Militärjeep entgegen, um uns zu suchen, da wir uns verspätet hatten und es schon dämmerte. Man hatte uns geraten, auf keinen Fall in der Dunkelheit zu fahren, das wäre auch für einheimische Fahrzeuge gefährlich.
Auf der Strecke zum Van See kamen wir durch die Ortschaft Silvan. Die Durchfahrt durch den Ort war von vielen Menschen nur Männern fast versperrt, es war gerade Markt. Finstere Kurden versperrten uns die Durchfahrt. Dank Ali Osman ließen sie uns nach längerer Verhandlung dann doch passieren. Renate hatte sich vor lauter Angst hinten im Auto unter einer Decke verkrochen. Mir war noch nachträglich ganz schön mulmig zu Mute, als mir Ali Osman dann erzählte, das ihn die Kurden fragten, warum er die Touristen nicht alleine fahren lasse?
Die Strecke zum Van See und die Umgebung war sehr beeindruckend, eine fast kahle Landschaft mit hohen Bergen. Wir wußten, dass man mit einem kleinen Boot auf eine Insel im türkisblauen See fahren konnte, um dort eine antike armenische Basilika besuchen konnte. Das war auch dann ein tolles Erlebnis.



Wir erreichten dann Dogubayazit, der Grenzort am Arrarat nahe der Persischen Grenze. Die kleine Stadt liegt an der Transitstrecke nach dem Iran, Pakistan und  Indien. Ein Tip von unserem Dolmetscher: dort wo am Straßenrand an einem Restaurant viele LKW stehen, gibt es ein gutes Essen. So war es auch, wir haben immer ein ausgezeichnetes Essen erhalten. Die türkischen Speisen schmeckten uns besonders gut! Nahe der Stadt erhebt sich auf einem Hügel ein alter Sultanspalst: Ishak Pasa Saray! Eine beeindruckende Kulisse vor dem über 5000 m hohem schneebedecktem Ararat.



Zur Feier des Tages kauften wir ein Huhn, das Ali Osman fachgerecht mit einigen Gebeten tötete, ausweidete, zerlegte und anschließend am Feuer grillte. Einige Kilometer in Richtung der Grenze gibt es im Boden ein riesiges Loch zu sehen. Ca. 50m im Durchmesser mit senkrechten Wänden und ganz schön tief und mit Wasser gefüllt. Meine erste Vermutung, ob das eventuell ein Meteoritenkrater sein könnte? Dagegen sprechen aber die senkrechten Felswände, vielleicht hat das Loch einen vulkanischen Ursprung? Vorbei am Ararat fuhren wir über Igdir und Digor nach Kars. Unangenehm waren auf der Strecke die Steine werfenden Hirten. Mit der linken Hand deuteten sie zum Mund, das sie Zigaretten haben wollten, aber gleichzeitig hatten sie bereits in der rechten Hand hinter ihrem Rücken versteckt einen faustgroßen Stein. Nachdem ich Angst um meine Scheiben am Auto hatte, löste ich das Problem und drehte aus WC- Papier Röllchen wie Zigaretten, die ich vor Erreichen der Steinewerfer aus dem Fenster warf. Bis die den Schwindel bemerkten, waren wir schon außer Reichweite ihrer Steine.



In Kars beeindruckten die vielen Pferdekutschen auf den Straßen, die als Taxis angemietet werden konnten. Wir besuchten das Museeum und besichtigten die Zitatelle, die über der Stadt ragte. Wir besorgten uns beim Militär eine Genehmigung für die Besichtigung von Ani, eine antike Ruienenstadt direkt an der russischen Grenze mit beindruckenden riesigen Kirchenruinen. Wir bekamen einen Militärbegleiter, der uns ausdrücklich untersagte, den russischen Wachturm auf der anderen Grabenseite zu fotografieren. Ja 1966 war das noch die schwer bewachte Grenze zwischen der NATO und den UDSSR.



Wir fuhren dann auf ziemlich schlechten Schotterpisten durch eine mit Nadelbäumen bewachsene Berglandschaft mit über 3000 m hohen Gipfel, der Ausläufer des Kaukasus Richtung Hopa am Schwaren Meer. In dieser Berglandschaft standen Holzblockhäuser mit weit überstehenden Dächern die mit Steinen beschwert waren, wir hatten den Eindruck, dass wir durch unsere Alpen fahren.



Dann trauten wir unserem Augen nicht: wir sahen vom Auto aus links und rechts auf den Wiesen und in den Wäldern Pilze wachsen: riesige Parasol mit fast 50 cm Kappen im Durchmesser! Die Nadelwälder waren voller Steinpilze, die man nicht suchen mußte, die konnte man mit der Sense abmähen, UNGLAUBLICH! Nach 2 wunderbaren Steinpilzessen und in der Pfanne gebratenen Parasolkappen, wollten wir die restlichen gesammelten Pilz trocknen. Dies misslang aber, da sie durch die hohe Luftfeuchtigkeit verschimmelten.



Entlang der Schwarzmeerküste von Hopa nach Trabzon und Samsun gab es keine Sehenswürdigkeiten. Von Samsun machten wir noch einen Abstecher zur Ausgrabungsstätte nach Hattusas und zu den antiken Steinrelievs von Yazilkaya.Dann ging es auf direktem Wege wieder zurück nach Göreme, da wir unseren Ali Osman zurück bringen mußten. Wir wurden herzlich von seiner Familie und seine Eltern begrüßt. Sie waren alle glücklich, dass wir ihren Ali Osman wohlbehalten zurück gebracht hatten. Am Abend wurde ein Hammel geschlachtet. Das halbe Dorf feierte mit uns einen vergnüglichen Grillabend mit Hammel am Spieß, mit Raki und dem guten Rotwein aus Göreme. Da es noch viele Christen in Göreme gab, war Wein und Raki dort kein Tabu.



Wir fuhren dann ziemlich zügig zurück nach Istanbul. Auch die Rückfahrt durch Bulgarien, über den Autoput und durch Österreich verlief unfallfrei und so erreichten wir nach 5 Wochen München.



Unsere erste große Fahrt bis an die Grenze des Kaukasus war ein tolles Erlebnis und auch zum Teil ganz schön abenteuerlich. Denn 1966 sind nur wenige Touristen bis Göreme gefahren. Das wilde Kurdistan im Osten der Türkei war schon noch ein großes Abenteuer und noch kein friedliches Urlaubsland!

==========================